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"just what is it", Buch 50 S. 22 x 18 cm, Kugelschreiber auf Papier, 2006 - 2010

In den Buchdeckeln von „just what is it“ ist ein schillernder Kosmos eingeschlossen. Dienstbeflissene Angestellte sitzen in der Natur der deutschen Romantik und überwachen auf Bildschirmen das Getriebe der Welt. Über ein Schriftstück gebeugt, sitzt ein sachlicher Herr an seinem Schreibtisch. Eine Frau von der anderen Seite des Globus fasst ihm wie ein guter Geist von hinten an die Schulter. Mit traurig gesenkten Augen lüftet jemand den Vorhang für ein Meute von Hedonisten. Im Hintergrund die abweisende Stadt des Expressionismus. Dinge lösen sich auf und Dinge nehmen Gestalt an. Blicke, die vollständig nach innen gerichtet sind, treffen auf Blicke, die ganz im Äußeren verhaftet sind. Wie ein tanzender Astronaut dreht sich eine junge Frau durch die Luft. Tränen gerinnen in mystischem Jugendstil. Ein Chirurg näht an einem schwarzen Abgrund herum. Die Landschaft ist an Schläuche angeschlossen. Im Raum hängen Gedanken. Tiere sprechen. Eine Tischgesellschaft versammelt Repräsentanten bisher unbekannter Mächte. In der Ferne, in einem kleinen Haus, geschieht Unheilvolles.

 

An dem Künstlerbuch „just what it is“ hat Eva Zenetti über Jahre hinweg gearbeitet. Meist hat sie nicht in der Rückzugszone des Ateliers gezeichnet, sondern unterwegs auf verschiedenen Kontinenten, in Zügen und Flugzeugen, während Wartezeiten an Hochschulen und Ämtern, bei Gelegenheit auf öffentlichen Plätzen, in Parks und privaten Wohnungen. Davon zeugen die vielen Gebrauchsspuren und die mit transparentem Klebeband geflickten Verletzungen des Papiers. Je eine Doppelseite füllen die Zeichnungen. Ausgeführt sind sie mit einem handelsüblichen Kugelschreiber. An manchen Stellen drückt sich die Farbe auf die Rückseite durch und verbindet so die Rücken an Rücken liegenden Zeichnungen. Als Ausgangsmaterial dienen der Künstlerin Fragmente gefundener Bilder, die ganz verschiedenen, in der jüngeren Vergangenheit erschienen Zeitungen und Magazinen entnommen sind, und in den Zeichnungen dann in ganz andere Kontexte gestellt werden. Das Verfahren erinnert an die Methode Adolf Menzels, der seine dichten Szenerien aus einer Vielzahl zeichnerischer Alltagsbeobachtungen collagiert hat und so vielleicht einen höheren Grad an Realitätsgehalt erzielen konnte, als durch eine direkte Abbildung vorgefundener Ereignisse.

 

Obwohl an vielen Stellen naturalistisch gearbeitet, sind die Zeichnungen nicht einfach Abbild eines Geschehens, das man im Prinzip mit eigenen Augen sehen könnte. Die verschiedenen Bildmomente lassen sich vielmehr erst in der Vorstellung zu einer kohärenten Wirklichkeit verbinden. Die immer wieder auftauchenden Worte und Textfragmente tragen somit als Zeichen unter Zeichen zur Gesamtbedeutung der Arbeiten bei, anstatt eine semantische Sonderrolle einnehmend gleichsam von außen hinzu zu kommen.

Auf virtuose Art verschränken die Zeichnungen dabei verschieden Arten der ikonischen Codierung: Visuelle Kurzformeln verschmelzen mit detailreichen Darstellungen. Symbole, wie etwa Sprechblasen, verfließen mit den Konturen, die die Gegenstände begrenzen. Malerisch gearbeitete Stellen, die die formalen Möglichkeiten des Kugelschreibers ausloten, verbinden sich mit Stellen, die ganz von der Linie her gedacht sind. Es ist ein komplexer Tanz der visuellen Zeichen, der auf den Blättern zur Aufführung kommt.

Und nicht nur eine Synthese verschiedener Arten der ikonischen Codierungen vollzieht sich auf den Doppelseiten, sondern auch eine von Zeichnung als Repräsentation und Zeichnung als Form an sich. So fungieren die Flächen und Linien an manchen Orten vor allem als Stellvertreter für Dinge, so dass diese Dinge, und nicht die Weise ihrer Darstellung das Bewusstsein des Betrachters beherrschen. An anderen Orten wiederum treten Flächen und Linien selbst als körperliche Textur in den Vordergrund. In all dem spiegelt sich ein sehr bewusster Umgang mit dem Medium Zeichnung und seiner Geschichte. Darin ganz postmodern werden die in dieser Geschichte inbegriffenen Möglichkeiten gleichberechtigt in den Dienst der künstlerischen Untersuchung gestellt.


Bemerkenswert an den Zeichnungen ist vor allem auch ihr Umgang mit Raum und Zeit. Weder zeigen die Doppelseiten einen einzigen begrenzten Raum, noch fixieren sie das Geschehen eines bestimmten Augenblicks. Vielmehr verbinden sie eine Vielzahl von Ereignissen, die unterschiedlichen Orten und unterschiedlichen Zeiten zugehören. Man könnte hier von einem erweiterten Kubismus sprechen, der nicht nur eine Vielzahl von Perspektiven auf ein festes Objekt in einem Bild verschmilzt sondern auch eine Vielzahl von raum-zeitlich verteilten Ereignissen. Bildet der Kubismus das tatsächliche Sehen ab, wie in jüngerer Vergangenheit vor allem von David Hockney betont wird, bildet ein erweiterter Kubismus vielleicht die tatsächliche visuelle Repräsentation von Welt in der Vorstellung ab. 


In„just what it is“ tritt uns eine äußerst belebte Welt entgegen. Sie ist leichtfüßig und beinahe schwerelose bewegt (erstaunlich ist, dass sich die sprudelnde Dynamik des Bildgeschehens aber doch in einem Raum der Stille vollzieht). Dieser äußeren Dynamik des Bildgeschehens kann man eine innere Dynamik gegenüber stellen, die die Existenz der verschiedenen Bildmomente selbst betrifft. So kann man den Eindruck gewinnen, die anwesenden Personen, Dinge und Symbole treten nur als Repräsentanten einer Vielzahl von Möglichkeiten auf die Bühne des Bildes. Es ist, als würden sie aus einem unsichtbaren Speicher von Potentialen an die Bildoberfläche treten. So kann man sich gut vorstellen, dass das Bildpersonal sich plötzlich veränderte, oder der Wortlaut eines Textes in einer Sprechblase plötzlich ein anderer würde. In den Zeichnungen sind also nicht nur bestimmte Situationen anwesend, sondern auch das ganze Feld der tieferen Gründe und Ursachen, aus denen diese Situationen überhaupt erst hervorgehen. In dieser Dynamik gleichen die Bilder wiederum dem menschlichen Bewusstsein selbst, das heißt dem Bewusstsein, wie es sich in der phänomenologische Selbstbeobachtung zeigt: als hoch aktive, nuancenreiche und vielschichtige Struktur, teilweise offen daliegend, teilweise verborgen, voller Untiefen und komplexer Sinnbeziehungen.

 

Das Personal von „just what it is“, lässt sich grob in zwei Gruppen einteilen. Zum einen treten Akteure auf, die vor allem Träger von Rollen sind, und eine bestimmte Handlungsweise oder einen bestimmten Habitus verkörpern. Dazu treten dann aber meist viel konkreter gefasste Personen, beseelte Wesen, die alle in ihrem ganz eigenen Kosmos von Erinnerungen, Bedeutungen und Gefühlen existieren. Die Gesichter dieser Hauptfiguren bilden eine Art Gravitationszentrum in den Zeichnungen: Sie stellen eine starke Beziehung zum Betrachter her und ziehen diesen in die Bildwelt hinein. Die Protagonisten von „just what it is“ strahlen dabei aber oft eine große Widerständigkeit aus: Voller Eigensinn und mit der Tendenz ihre Umgebung zu ignorieren, versuchen sie einer tief in ihnen selbst angelegten Spur zu folgen.


Neben einzelnen Personen und ihrer konkreten Umgebung ist in den Bildern auch das gewaltige Netz von überpersönlichen Bedingungen anwesend, das das Schicksal eines jeden bestimmt, ohne dass er auf dieses einen Einfluss nehmen könnte: die Veränderungen der Technologie, der Wandel der Städte, die weltumspannenden kausalen Ereignisketten, die Verschiebungen in der Mentalität großer Gruppen, die Mechanismen der Mode usw. Dem entspricht, dass das Bildgeschehen meist deutlich in der Gegenwart angesiedelt ist. Die Bilder sind voll von aktueller Wirklichkeit. Insgesamt erinnert diese gegenwartswache Verknüpfung von psychologischer Mikro- und protosoziologischer Makroperspektive  an den realistischen Roman des 19. Jahrhunderts, in dem das reiche Innenleben der Protagonisten im Kontext machtvoller gesellschaftlicher oder kultureller Verhältnisse erfahrbar wird.

 

„just what it is“ leitet sich also in vielem von einer sehr konkreten Wirklichkeit her. Trotzdem strahlen die Zeichnungen Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit aus. Diese hängt, wie mir scheint, mit dem Eindruck zusammen, dass neben den gleichsam offen daliegenden Interaktionen, Gemütsverfassungen, sozialen Beziehungen, Artefakten und gesellschaftlichen Prozessen auf den Buchseiten noch einer tieferen Struktur des Lebens nachgeforscht wird. Es ist, als würde folgende These geprüft: Die Gedanken, Gefühle und Handlungen von Personen sind im Großen durch eine grundlegende Ordnung miteinander verknüpft, die von einer tiefen psychologischen Inhaltlichkeit ( vielleicht sogar einer narrativen oder poetischen Qualität) ist, und von dem, was bis heute soziologische oder sozialpsychologische Theorie heißt, allenfalls teilweise erfasst wird.  In genau diesem Moment liegt eine gewisse Verwandtschaft zur mythologischen Weise der Welterfassung, insofern, als auch diese von einer zeitlosen Struktur menschlicher Gemeinschaften erzählt, die nicht fern und jenseitig, sondern in das Konkrete eingeschrieben ist. Jedoch fehlt den Blättern das Abstrakte und Formelhafte des Mythos, ebenso die starre Festlegung auf die eine unhinterfragbare Wahrheit. Offenbar entstammen die Zeichnungen vielmehr einer sehr direkten Erfahrung, die unvoreingenommen erforscht, was sich von sich aus zeigt, wenn eine bestimmte offene Haltung der Aufmerksamkeit eingenommen wird. Bei allem Rätselhaften herrscht in den Zeichnungen eine große Sachlichkeit und Klarheit, etwas, das man als redliche Empirie der Intuition bezeichnen könnte. Die Bilder raunen nicht geheimnisvoll, verkünden keinen ausgedachten Tiefsinn, und formulieren keine spektakulären Theorien, sondern protokollieren geradezu nüchtern, was vielleicht von sich her zauberhaft ist. Sie sind auf eine luftige und helle Art vielschichtig.

Andreas Woller